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Das Schicksal kann uns mal

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Das Schicksal kann uns mal

Schicksal

Das Schicksal kann uns mal!

Never give up! Vier Hamburgerinnen verraten, wie es uns gelingt, auch in schweren Zeiten den Mut nicht zu verlieren…

Der Verlust eines geliebten Menschen oder eine schwere Krankheit – wie hält man solche Schicksalsschläge aus? Manche zerbrechen daran, andere wachsen über sich hinaus. Diese Hamburger Frauen erzählen uns von den tragischen Ereignissen, die ihr Leben für immer verändert haben, und wie sie es geschafft haben, dem Schicksal die Stirn zu bieten.

SIE LÄSST SICH NICHT UNTERKRIEGEN

Du wolltest gerade mit deinem Unternehmen „Fine Weddings & Parties“ durchstarten, als Deine Familie einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste – den Verlust deines Mannes! Was ging Dir damals durch den Kopf?
Das war definitiv die größte Herausforderung meines Lebens und es hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggezogen. Mein Mann und gleichzeitig mein bester Freund starb an Krebs. Für einen kurzen Moment habe ich gedacht: Wie soll ich das alles schaffen? Ich „springe“ ihm hinterher. Aber dieser Gedanke wurde schnell wieder verdrängt, denn ich habe vier Kinder. Sie könnte und werde ich niemals im Stich lassen! 

Du hast es geschafft, das Leben wieder zu leben und nach vorne zu blicken. Woher nimmst du diese Kraft?
Meine Kinder sind der Grund, warum ich noch da bin und weitergemacht habe. Ich bin immer für sie da, denn sie brauchen einen Fels in der Brandung. Dieses Bewusstsein gab und gibt mir die Kraft, nach vorne zu blicken. Es ist schon schwer genug für meine Kinder, da brauchen sie nicht auch noch eine Mutter, die instabil ist. Gleichzeitig haben mein Unternehmen und die Kunden mir Kraft gegeben, nicht aufzuhören. Ich konnte sie nicht hängenlassen. Die viele Arbeit hat mir sogar sehr geholfen.

Würdest du sagen, es hat damit zu tun, dass du eine Kämpfernatur bist?
Definitiv. Ich bin kein Mensch, der so einfach aufgibt. In allen Lebenslagen. Dabei hat mir die Liebe zu meinem Mann und die Liebe zu meinen Kindern extrem geholfen. Nicht zu vergessen die vielen Menschen, Freunde, Familienangehörige, die mir in dieser schweren Zeit beigestanden haben. Ohne wäre es – Kämpfernatur hin oder her – um einiges schwerer gewesen.

Was rätst du Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden? Wie schafft man es trotz der Trauer wieder nach vorne zu schauen?
Auch wenn es hart ist, man sollte sich immer bewusst machen, dass diese schlimme Zeit auch wieder vergeht. Das Leben ist zu kurz, um in dieser Trauer zu verharren. Man darf es nicht persönlich nehmen und sich darüber klar machen, dass nicht alle Lebensbereiche betroffen sind. Denn in schlimmen Zeiten widerfährt einem auch Positives, das muss man erkennen und annehmen – und daraus wiederum Kraft ziehen. Last but not least: Darüber sprechen. Ruhigen Gewissens nach Hilfe fragen und auch Hilfe annehmen.

Auch wenn es hart ist, man sollte sich immer bewusst machen, dass diese schlimme Zeit auch wieder vergeht.  

Nadine Metgenberg

SIE gibt IHREN TRAUM NICHT AUF

Wie bist du zu Anfang mit den Fehlgeburten umgegangen?
Am Anfang habe ich nicht so viel darüber gesprochen. Die Ärzte haben uns immer wieder gesagt, dass es durchaus nicht selten ist, dass Frauen Fehlgeburten erleiden. Allerdings kamen wir nach der dritten Fehlgeburt in Folge schon zum Grübeln. Ich habe sehr viel mit meinem Mann gesprochen und mit meiner Mutter. Und sehr viel Zeit mit meinem Pferd verbracht. Mein Pferd hat mir immer ganz brav zugehört.

Wie schwer war es für dich, das Geschehene zu akzeptieren?
Es war für mich unglaublich schwer, die immer wiederkehrenden Fehlgeburten zu akzeptieren. Und ich konnte es auch nicht einfach akzeptieren. Der Kinderwunsch war so riesig. Für mich war es sehr schlimm, weil viele meiner Freundinnen nach und nach Kinder bekamen und es bei mir immer wieder nicht klappen wollte.

Gab es auch an eine Phase, in der du nicht wusstest, wie es weitergehen soll?
Ich glaube, dass jeder, der ansatzweise so etwas wie ich durchgemacht hat, nachvollziehen kann, dass man sich als Frau fragt, ob man einfach keine Kinder bekommen soll. Ich habe mich nicht als vollwertige Frau gefühlt und kurzfristig darüber nachgedacht, ein oder zwei Kinder zu adoptieren. Aber nach vielen Gesprächen mit meinem Mann bin ich zu dem Entschluss gekommen, nicht aufzugeben und alles erdenklich mögliche zu tun, um eigene Kinder zu bekommen. 

Wann und wie bist du an dem Punkt angekommen, an dem du gesagt hast: Das Leben geht weiter?
Um an diesen Punkt zu kommen, dauerte es sehr lange bei mir und ich wusste, dass ich nur an diesen Punkt gelange, wenn ich eines Tages eigene Kinder haben werde. Aber ich war mir auch bewusst darüber, dass ich bis zu diesem Tag nicht immer zu traurig sein kann. Ich bin gesund und sollte versuchen, trotz allem das Leben zu genießen. Mein Mann hat mir sehr geholfen und es immer wieder geschafft, mich abzulenken. Auch meine Eltern und Schwiegereltern haben mich stark unterstützt. Nach der vierten Fehlgeburt bin ich zur Akupunktur gegangen und konnte dort sehr viel aufarbeiten. Ich habe selten so einen tollen Menschen kennengelernt und ich bin Tanja Landschoof bis heute unglaublich dankbar für die Unterstützung und das offene Ohr. 

Kannst du den Schicksalsschlägen auch irgendetwas Positives abgewinnen?
Es ist schwierig zu sagen, dass es an diesen Schicksalsschlägen etwas Positives abzugewinnen geben soll, aber ja das gibt es tatsächlich. Mein Mann und ich hatten immer eine sehr schöne und enge Ehe, aber diese Schicksalsschläge haben uns noch mehr verbunden. Und ohne diese Schicksalsschläge hätte ich mich vermutlich nicht für die Akupunktur entschieden und somit hätte ich einen ganz tollen und lieben Menschen wahrscheinlich nicht kennengelernt. 

Was würdest du jemandem sagen, der gerade erst einen schweren Schicksalsschlag erlebt hat, und nicht weiß, wie es im Leben weitergeben soll?Ich rate jedem, der schlimme Erfahrungen machen musste, niemals aufzugeben, an seinem Traum festzuhalten und alles erdenklich mögliche zu tun, diesen auch zu erfüllen. Wir haben lange gekämpft und haben unseren Traum von eigenen Kindern erfüllt. Wir sind unglaublich stolz auf unsere Zwillinge. Es gibt einfach nichts schöneres. 

Ich rate jedem, der schlimme Erfahrungen machen musste, niemals aufzugeben, an seinem Traum festzuhalten und alles mögliche zu tun, diesen auch zu erfüllen.

Olga Sperzel

SIE TROTZT SPORTLICH DEM SCHICKSAL

Kannst du kurz erzählen, wie es zu deiner Behinderung gekommen ist?
Es war eine Anreihung unglücklicher Umstände. Ich hatte Rückenschmerzen nach dem Volleyballspielen, das zog sich etwa über ein halbes Jahr – ich bin dann vom Orthopäden eingerenkt worden, dabei wurde nicht erkannt, dass ein Blutschwämmchen im Rückenmark verletzt wurde, so war es dann beim zweiten Einrenken so schlimm, dass daraus eine Querschnittlähmung resultierte. Ich bin dann in der Klinik viel zu spät operiert worden, danach war an der kompletten Lähmung nichts mehr zu machen.

Wie bist du anfangs mit diesem schwierigen Erlebnis umgegangen?
Ich habe die Flucht nach vorne angetreten – ich war 16, bin viel mit Freunden aus und feiern gewesen. Ein Tief hatte ich nach 3 Jahren. Ich glaube aber auch, dass das notwendig ist. Eine erworbene Behinderung ist erst mal in jedem betroffenen Leben eine Tragödie, die verarbeitet werden muss. Danach können neue Ziele gesteckt werden.

Deine vermeintliche Schwäche nutzt du heute als Stärke und bist als Sportlerin sehr erfolgreich. Wieso hast du dich dazu entschieden, eine Sport-Karriere anzustreben?
Das ist auf jeden Fall eine Entwicklung, zuerst muss man für eine Sache brennen, und man wird besser und besser, hat irgendwann seinen Stammplatz in der Ligamannschaft, der nächste Schritt ist, man wird vom Nationaltrainer gesichtet – d.h. es öffnen sich überall Türen und man muss entscheiden, in welcher Intensität man weiter spielen und trainieren möchte. Ich wollte gerne zu den Paralympics und habe dementsprechend alles dafür getan. Ähnlich war es bei meinem Wechsel zum Kanusport. Urspünglich als Freizeitaktivität mit meinem Partner geplant, entwickelte sich daraus eine zweite erfolgreiche Sportkarriere.

Wie blickst du heute auf das zurück, was dir passiert ist? 
Was passiert ist, spielt in meinem Alltag keine Rolle mehr – ich habe einen tollen Job, mein Arbeitgeber, das BG Klinikum Hamburg, unterstützt mich so, dass ich meinen Leistungssport ausüben kann. Ich lebe in einer erfüllten Partnerschaft, wir haben ein Haus gekauft, reisen gerne und bin im Januar 2019 Mama geworden – das größte Glück! Ich bin rundum zufrieden mit meinem Leben. Auf das, was nach dem Unfall geschehen ist, kann ich mit Stolz und großer Zufriedenheit blicken.

Du bist vor einiger Zeit Mutter geworden. Was möchtest du deinem Kind aus deiner Lebenserfahrung mit auf den Weg geben?
Ich selbst hatte eine wunderschöne Kindheit. Meine Mutter war alleinerziehend, und ich habe so viel Liebe und Zuneigung erfahren. Diese Sicherheit und das Vertrauen haben mich stark gemacht fürs Leben. Das gleiche möchte ich jetzt an mein Kind weitergeben. Er hat uns – seine Eltern, auf die er sich immer 100% verlassen kann, trotzdem will ich ihm den Raum geben, seine eigenen Erfahrungen zu machen und sich auszuprobieren. Dabei hoffe ich, er geht offen, selbstbewusst und mit Zuversicht in all die Herausforderungen, die ihm das Leben bereitet, und ich hoffe, dass ihm meine Geschichte und was wir ihm vorleben eine gewisse Gelassenheit geben, da er weiß, dass sich immer irgendwo eine Tür öffnet und es immer irgendwie weitergeht – man muss nur machen.

Eine erworbene Behinderung ist erst mal in jedem betroffenen Leben eine Tragödie, die verarbeitet werden muss. Danach können neue Ziele gesteckt werden.

Edina Müller

Das sagt die Expertin…

Wie kann man es schaffen, einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften?
Schicksalsschläge kommen immer überraschend, man kann sich nicht darauf vorbereiten. Solche oft existenziellen Krisen können eine Person sowohl auf der innerpsychischen wie auch auf der sozialen Ebene massiv verunsichern. Dadurch werden häufig bisher sicher geglaubte Lebensziele und -werte in Frage gestellt und Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung oder Traurigkeit ausgelöst. Nach dem ersten Schock wird meist etwas Zeit gebraucht, um die Bedeutung dieses Schicksalsschlages überhaupt erfassen zu können. Danach sollte dann eine Phase der Bearbeitung und anschließenden Neuorientierung stattfinden. Dafür ist wichtig, die Belastung des Schicksalsschlages in der persönlichen Auswirkung auf sich selbst auch ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen. Gut tun immer vertraute Menschen, die einfühlsame Gesprächspartner sein können. Manchmal ist auch wichtig, praktische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Woraus kann man Kraft schöpfen?
Das kann individuell sehr verschieden sein. Da wir Menschen von Grund auf soziale Wesen sind, spielt das Gefühl der Zugehörigkeit eine große Rolle. Untersuchungen zeigen, dass wir Krisen besser bewältigen können, wenn wir über ein funktionierendes soziales Netz verfügen. Aber auch die Verbundenheit mit der Natur, einem Haustier oder dem kreativen Erleben in der Musik oder Kunst können helfen. Ebenso der Glaube.

Wie können Freunde und Verwandte helfen?
Das Wichtigste in solchen schweren Zeiten ist, für den Betroffenen da zu sein und ihm ein „offenes Ohr zu leihen“. Signalisieren Sie, dass Sie Verständnis für seine aktuelle Situation haben, dass Sie bei Bedarf auch zuhören können und eventuell – wenn nötig und möglich – auch praktische Hilfen anbieten können. Es geht gar nicht so sehr ums Trösten sondern darum, Anteil zu nehmen und – wenn es passt – zu ermutigen. Achten Sie dabei auch auf Ihre eigenen Grenzen. Schließlich gibt es auch die Möglichkeit professioneller Hilfen. Es geht hier mehr um Mitgefühl als um Mitleid. Haben Sie Geduld mit dem Betroffenen und setzen Sie ihn nicht unter Druck, schnell wieder die/der Alte zu sein und zu funktionieren.

Braucht man besondere Fertigkeiten, um mit einem Unglück umzugehen, und kann man sich diese aneignen?
Die Resilienzforschung, die die seelische Widerstandskraft beforscht, nennt verschiedene Faktoren, die es einem leichter machen, mit Lebenskrisen umzugehen. Dazu gehören u.a.  neben einem guten Selbstwertgefühl und einem realistischen Optimismus vor allem die Akzeptanz des Schicksalsschlages und die innere Einstellung, diesen Schlag früher oder später auch verkraften zu können. Je stabiler man in seiner Gefühlswelt und je eher man in der Lage ist, selber Entscheidungen treffen zu können, desto früher erlebt man auch wieder Handlungskontrolle, was sehr wichtig für eine positive Selbstwahrnehmung ist. Das Einsetzen einer funktionierenden Stressregulation z.B. in Form von Entspannungsmethoden ist auch sehr hilfreich. Aber man sollte sich klar machen, dass Krisen und Wandel zum Leben dazugehören und unangenehme Gefühle wie Schmerz etc. ausgehalten werden können und auch wieder vergehen werden. Wir alle sind verletzlich und können letztendlich nur versuchen, konstruktiv mit so einer Erfahrung umzugehen.

Kann ein Schicksalsschlag auch positive Seiten haben?
Hilfreich ist es, in dem was passiert für sich einen Sinn zu erkennen und als Lernaufgabe für die eigene Persönlichkeit zu begreifen. Daran kann man auch wachsen und damit gereift aus so einer Krise hervorgehen. So lässt sich eine Lebenskrise auch als Chance für einen Neubeginn verstehen. Manche Betroffene entwickeln aus diesem Schicksalsschlag für sich eine neue Lebensaufgabe, um z.B. anderen in ähnlicher Situation helfen zu können. Oftmals werden neue Werte und Prioritäten im Leben gesetzt. Dinge, die vorher als selbstverständlich empfundenen wurden, werden nun ganz anders wertgeschätzt. Es besteht die Möglichkeit, sich und sein Leben neu zu sortieren und neue Ziele und Perspektiven sowohl privat wie auch beruflich zu entwickeln. Zudem ist es wichtig, sich die eigene Stärke vor Augen zu halten: Wenn man die Kraft hatte, diese Krise zu meistern, dann bewältigt man auch weitere Herausforderungen des Lebens. 

Wird man nach einem schweren Schicksalsschlag jemals wieder so glücklich wie zuvor?
Da es von Krise zu Krise und von Mensch zu Mensch – je nach Lebenssituation – sehr unterschiedlich sein kann, wie gut bzw. schnell man einen schweren Schicksalsschlag überwindet, ist es auch schwer, so etwas vorherzusagen. Es ist auf jeden Fall möglich, wieder glücklich zu sein. Manche Menschen berichten, Glücksmomente danach sogar viel bewusster und intensiver erleben zu können. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass man sich erlaubt, auch wieder glücklich sein zu dürfen. Das ist ein Prozess, der auch seine Zeit braucht.

Wann sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Grundsätzlich kann man sagen, dass ein Schicksalsschlag ein unvorhergesehenes und „unnormales“ Ereignis ist, auf das eine psychische Krise eine normale Reaktion ist. Wenn man allerdings nicht alleine aus dem „Loch“ herausfindet und es einem über längere Zeit schwer fällt, seinen Alltag mit Beruf, Beziehungen und Freizeitaktivitäten wieder aufzunehmen, sollte man sich trauen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Deutliche Warnsignale sind u.a. ständiges Grübeln, erhöhte Angstbereitschaft, starke Konzentrationsprobleme, Stimmungswechsel, Gesundheitsprobleme und Vernachlässigung der eigenen Person bzw. der täglichen Pflichten über einen längeren Zeitraum hinweg. Wenden Sie sich an Ihren Arzt, die Telefonseelsorge, psychosoziale Beratungsstellen oder psychiatrische/psychotherapeutische Profis z.B. in einer Institutsambulanz. Akute Hilfe ist bei suizidalen Gedanken geboten, wählen Sie den Notruf oder wenden Sie sich an den sozialpsychiatrischen Dienst im Gesundheitsamt. 


Fotos: © Ponomariova Maria/istock.com; © Zuzu Birkhof; © Anke Rottmann/Rottmann-Photographie; © Brigitte Dorrinck; © Privat

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